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Volle Sonnenenergie voraus
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Volle Sonnenenergie voraus

Mit dem Neubau „Sun Rock“ für Taiwans Elektrizitätsversorger hat MVRDV ein gebautes Manifest für eine CO2-freie Zukunft entworfen. Denn was optisch an ein gigantisches Gürteltier erinnert, ist ganz auf optimale Nutzung von Sonnenenergie ausgerichtet. 

Der Inselstaat Taiwan plant seinen Umstieg auf grüne Energie. Nur logisch also, dass das staatliche Energieunternehmen Taipower sich einen Neubau wünschte, der diesem Ziel entspricht. Eben diesen wird es nun bekommen. Und schon der Name ist Programm: „Sun Rock“ ist dafür konzipiert, Sonnenenergie bestmöglich zu nützen. Entworfen vom preisgekrönten niederländischen Büro MVRDV, entsteht ein bemerkenswertes Bauwerk. Eines, dessen Fassade mindestens 4.000 Quadratmeter PV-Paneele tragen kann.

Ein „Gürteltier“, das Sonne tankt

Wie sich dies machen lässt, zeigen Renderings des jüngst präsentierten Projekts. Und beim ersten Blick darauf gerät man leicht ins Staunen: „Sun Rock“ erinnert an ein gigantisches Gürteltier. Mit all den typischen Knochenplättchen, die den gewölbten Rückenpanzer des putzigen Säugers bilden. Doch genau das, was den Neubau optisch derart seltsam wirken lässt, macht ihn zum hocheffizienten Sonnenenergie-Nutzer: Seine außergewöhnliche Form und Außenhaut. 

Volle Sonnenenergie voraus. Die Fassade von „Sun Rock“ wird mindestens 4.000 Solarpaneele tragen. (Bild: MVRDV)
Die Fassade von „Sun Rock“ wird mindestens 4.000 Solarpaneele tragen.

Die runde Form von „Sun Rock“ ist so designt, dass möglichst viel Sonnenlicht zur Energiegewinnung genutzt werden kann. An der Südseite fällt das Gebäude sanft ab. Dadurch entsteht eine große, mittags direkt der Sonne zugewandte Fläche. An der Nordseite indes maximiert die Kuppelform jene Außenfläche, die morgens und abends der Sonne ausgesetzt ist. 

Eine Million Kilowattstunden pro Jahr

Die Fassade steigert das Potenzial, Sonnenenergie zu nützen, zusätzlich. Und zwar durch eine Reihe von „Falten“, an deren Oberseiten die Photovoltaik-Module installiert werden. Der Winkel dieser Faltungen wird an allen Fassadenteilen so angelegt, dass die Solarzellen möglichst viel Energie erzeugen können. Das Ziel: Die genannten 4.000 Quadratmeter an PV-Paneelen sollen jährlich fast eine Million Kilowattstunden Sonnenenergie bereitstellen können. Eine Energiemenge, die der Verbrennung von 85 Tonnen Rohöl entspricht.

Strom fürs Gebäude und fürs Netz

„Sun Rock“ soll dadurch vollkommen autark werden. Doch dies ist längst nicht alles: Die Konstrukteure tüfteln an weiteren Optionen mit noch mehr Fläche für PV-Paneele. Und Berechnungen sollen ergeben haben, dass Taipowers neues Gebäude jährlich bis zu 1,7 Millionen kWh erzeugen könnte, um Energie ins Netz einzuspeisen.

Volle Sonnenenergie voraus. Öffentliche Bereiche werden Besuchern Einblick in die Produktion erneuerbarer Energie geben. (Bild: MVRDV)
Öffentliche Bereiche werden Besuchern Einblick in die Produktion erneuerbarer Energie geben.

Der Standort der neuen Anlage spielt den Planern in die Hände. Denn sie befindet sich im Changhua Coastal Industrial Park in der Nähe von Taichung, wo das ganze Jahr über mit viel Sonneneinstrahlung gerechnet werden kann. „Sun Rock“ dient in erster Linie der Lagerung und Wartung von Anlagen für nachhaltige Energie. Das faszinierende „Gürteltier“-Betriebsgebäude wird Büros, Werkstatt und Lagerräume beherbergen. Doch auch Besucher sollen Zutritt zu „Sun Rock“ bekommen. Denn im neuen Haus des staatlichen Energieunternehmens von Taiwan wird es auch eine öffentliche Galerie geben.

Natürlich sind wir bestrebt, alle unsere Projekte so nachhaltig wie möglich zu gestalten. Aber wir sehen, dass sie auch mehr als das sein können. Dieses Projekt hat ein einzigartiges und faszinierendes Potenzial.

Winy Maas, Architekt und MVRDV-Gründungspartner

Herzstück des Gebäudes ist der Datenraum: In einem hohen Atrium werden in Echtzeit Daten über den Betrieb von Taipower und die vom Unternehmen erzeugte Menge erneuerbarer Energie angezeigt. Im ersten Stock ist eine Galerie mit Blick auf die Wartungswerkstatt vorgesehen. Von dort aus werden Besucher einen Blick auf die Gerätschaften werfen können, die nachhaltige Energie erzeugen – von der Solarzelle bis zum riesigen Windturbinenflügel.

Erholung unter der Sonnenkuppel

Weitere Ausstellungsräume befinden sich im obersten Stockwerk. Und auf dem Dach lockt eine komfortable Besonderheit: Unter einer Kuppel aus Sonnenkollektoren liegt eine mit Bäumen bepflanzte Terrasse, die Gästen und Mitarbeitern als Oase der Entspannung dienen wird. 

„Sun Rock“ Herzstück Datenraum: Sonnenenergie-Produktion, spannend präsentiert. (Bild: MVRDV)
„Sun Rock“-Herzstück Datenraum: Information über Sonnenenergie-Produktion, spannend präsentiert.

Die MVRDV Architekten kombinieren die Arbeitsräume des Projekts geschickt mit den spannend gestalteten Besucherzonen. Dass mit „Sun Rock“ weit mehr als ein bloßes Betriebsgebäude entstehen soll, liegt auf der Hand. Schließlich will Taipower sein Engagement für eine grünere Zukunft öffentlich unterstreichen. Das spektakuläre Bauwerk, das nachhaltige Energie erzeugt, ist also auch als Kommunikationsinstrument gedacht.

Mehr als nur nachhaltig gebaut

„Natürlich sind wir bestrebt, alle unsere Projekte so nachhaltig wie möglich zu gestalten. Aber wir sehen, dass sie mehr als nur nachhaltig sein können. Und dieses Projekt hat ein einzigartiges, faszinierendes Potenzial“, betont MVRDV-Gründungspartner Winy Maas. Der Kunde, also das Energieunternehmen Taipower, habe es den Architekten erlaubt, „mehr als üblich zu tun“. 

Vollkommen datengesteuert

Durch die Verkleidung der gesamten Fassade mit PV-Anlagen wird der Energiegewinn maximiert. Doch auch die maximal effiziente Positionierung der Paneele trägt dazu bei, dass das Gebäude autark sein und zugleich Strom ins übrige Netz exportieren kann. „Folglich ist unser Entwurf vollständig datengesteuert“, schildert Winy Maas. Ein Umstand, den der international erfolgreiche Architekt freudig hervorhebt: „Es macht immer Spaß, die Ergebnisse zu sehen, wenn man die Analyse zum bestimmenden Teil des Entwurfs erstellt.“

Volle Sonnenenergie voraus. Der von MVRDV designte Neubau „Sun Rock“ für Taiwans staatlichen Elektrizitätsversorger. (Bild: MVRDV)

Dass „Sun Rock“, das der Nutzung von Sonnenenergie weiter Vorschub leistet, realisiert wird, dürfte das MVRDV Team besonders freuen. Immerhin setzt das Büro explizit vorrangig auf nachhaltige Projekte. Nicht immer zur Begeisterung des potenziellen Kunden, wie etwa der Entwurf fürs neue Hauptquartier von Gazprom Neft erwies: Was der bislang größte klimaneutrale Holzbau der Welt geworden wäre, fand beim russischen Mineralöl-Giganten keine Zustimmung.

Sonnenenergie, „Netto-Null“ & mehr

MVRDV‘s Ambition tat dies freilich keinen Abbruch. Die neue Zentrale, die das Büro fürs chinesische Landwirtschaftsunternehmen Lankuaikei designt, soll gar ein wahrer Tempel der Nachhaltigkeit mit Netto-Null-Standard werden. Und Erfolge feiert das Architektenteam derweil auch andernorts. Zum Beispiel mit extravaganten Projekten wie dem, bereits im Bau befindlichen Hochhaus „O“ in Mannheims neuem Viertel Franklin Mitte. Oder mit dem kürzlich eröffneten Kunst-Depot des Boijmans van Beuningen Museums in Rotterdam, das einer begrünten, futuristischen Spiegelschüssel gleicht. 

Wohl anzunehmen, dass das wundersame „Gürteltier“ in Taiwan ähnlich großen Applaus ernten wird. Diesfalls vor allem auch, weil es wie ein gebautes Manifest für eine CO2-freie Zukunft wirkt. Motto: Volle Sonnenenergie voraus!

Text: Elisabeth Schneyder
Bilder: MVRDV

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